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INHALT

Die auf acht Silben basierenden Regi-Lieder entstammen dem alten finno-ugrischen Weltbild und sind Nährboden für die berühmte estnische Gesangskultur. Ihr eindringlich monotoner Klang besitzt ge- heimnisvolle Kraft und beflügelt zur Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln und neuen Formen der Umsetzung. In Zeiten ele- mentarer Veränderung, die für viele mit dem Verlust von Identität ein- hergeht, betrifft die Frage, wie man sich in diese Welt einbringen kann, unsalle. Estland bietet filmische Kraftfelder, um dieses ausserge- wöhnliche Gewebe zwischen Natur, Mensch und Lied darzustellen.

GEDANKEN DER REGISSEURIN

Meine früheren Kinofilme „Die Salzmänner von Tibet“ und „Ässhäk - Geschichten aus der Sahara“ zeigen Menschen in ihrem stolzen Dasein in archaischen Kultur- und Lebensformen. Interessiert haben mich dabei auch die den institutionalisierten Religionen vorausge- henden Denkwelten, in Tibet zu finden in Form von vor-buddhistischen Ritualen, bei den Tuareg von vor-islamischen Praktiken. Eine enge Verbindung zur Natur und ein respektvoller Umgang damit sind diesen Kulturen eigen. Die dargestellten Nomaden pflegen noch immer die mündliche Überlieferung, die im Vortrag von a cappella Gesang, von Epen, Legenden und Alltagstraditionen ihren Ausdruck findet. Ver- gleichbare Dispositionen sind weltweit zunehmend vom Untergang bedroht.

Zu meiner Überraschung fand ich im nahe gelegenen und modernen Estland eine Entsprechung zu den Themen, die mir wichtig sind. In Regilaul begegnet uns eine aus dem eigenen, tief verwurzelten Brauchtum und Gesang erwachsende Überlebenskraft. Die Neu-belebung dieser Liedkultur, ihr Platz im heutigen Alltagsleben, bis hin zu den von Veljo Tormis auf der Grundlage des alten Liedguts komponierten Zyklen erlauben eine lebendige Sicht auf die Frage der kulturellen Identität in einem Zeitalter, in dem die Unterschiede so schnell dahinschmelzen wie unsere Gletscher.

Über Jahrhunderte war die Geschichte Estlands geprägt von Fremd- herrschaft und Unterdrückung. Die Rückbesinnung auf die eigene Stimme, auf ein einfaches Lied, war ein wichtiger Faktor dafür, dass das Land mit einem Bevölkerungsanteil von knapp einer Million Esten seine Freiheit wieder finden konnte. 1988 sangen bei einer Demon- stration auf dem Tallinner Sängerfestplatz 300’000 Menschen unter anderen Liedern ihre von der Sowjetherrschaft verbotene Hymne. Nach einem überwiegend friedlichen Prozess der Loslösung, bekannt geworden als „Singende Revolution“, stellte Estland im August 1991 seine Souveränität wieder her. Inzwischen ist Estland EU-Mitglied.

Bei seinem Tallinn-Besuch im August 2011 erklärte der 14. Dalai Lama seinen Respekt gegenüber dem estnischen Volk für dessen Kraft und Entschlossenheit im Kampf für Freiheit und den Aufbau von Demo- kratie nach einer langen Periode autoritärer kommunistischer Herr- schaft. Für Völker, deren territoriale Selbstbestimmung und kulturelle Identität bedroht sind, stellt der Erfolg der gar nicht so zahlreichen Esten, einen eigenständigen Staat wiederzuerlangen, eine Ermutigung dar.

In Regilaul begegnet uns ein Lied von eigentümlicher Stärke. Die Wiederholungen der Achtsilbenverse und die Veränderungen, die aus den Wiederholungen hervorgehen, entwickeln einen Sog und führen zu einem inneren Wiedererkennen. Die Lieder sind freudig und scheinen erfüllt von Licht und der Weite des hohen Nordens. Sie sind aber auch tief, geheimnisvoll und vielschichtig wie die jahrtausende- alten Moorlandschaften. Das darin verborgene Wissen ist selbst für die in Estland intensiv betriebene folkloristische Forschung nicht immer rekonstruierbar. Teilweise sind die Liedtexte skurril und lassen uns staunen vor jenem „anders in die Welt blicken“, das Nietzsche bezüglich der Philosophen des ural-altaischen Sprachbereichs in „Jenseits von Gut und Böse“ beschrieb. Weite, bis heute nicht wirklich enträtselte Horizonte tun sich auf, deren historische Bezüge in ferne östliche Regionen zu reichen scheinen.

Als ich begann, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, eröffnete sich mir eine Welt, in die einzutreten eine Herausforderung darstellt. Sie gleicht, wie eine der Protagonistinnen es sagt, einer Schatzkiste, die nur mit Behutsamkeit zu öffnen ist. In Estland ist das Volkslied kein harmloses, unzeitgemässes Relikt aus einer überkommenen Zeit. Vielmehr trägt es grossen Reichtum und eine Art Sprengkraft in sich, mit der eigentümlichen Fähigkeit, Traumata zu verwandeln und Mut zu machen zu persönlicher und kollektiver Identität.

ULRIKE KOCH

Ulrike Koch wurde in Birkenfeld/Nahe, Deutschland geboren. Studium der Sinologie, Japanologie und Völkerkunde an der Universität Zürich sowie chinesische Literatur und Philosophie an der Beijing Univer-sität/China. Publizistische Tätigkeit und Filmkritiken u.a. für die NZZ, Weltwoche, Positif (Paris) sowie Projektberatung und Vorträge zu China, Tibet und Buddhismus. Casting Director bei „Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci, Regieassistenz bei "Johanna d'Arc of Mon- golia" von Ulrike Ottinger, „Urga“ von Nikita Mikhalkov, u.a. Sie lebt als freie Filmautorin in Zollikon bei Zürich.

 

Filmografie:

  • Regilaul – Lieder aus der Luft
    (104 min) 2011
  • Voller Freude und Vertrauen
    Lebenskreis eines Tibeters in der Schweiz (65 min) 2008
  • Guge – Restoring for the Buddhas
    (14 min) 2006
  • Ässhäk – Geschichten aus der Sahara
    (110 min) 2003 (Preise&Festivals s.u.)
  • Die Salzmänner von Tibet
    (108 min) 1997 (Preise&Festivals s.u.)
  • Traditionelle Medizin in Asien:
    Qigong in China (30 min) 1996



Ässhäk – Geschichten aus der Sahara
Preise:

  • Best director at Philadelphia Film Festival 2004
  • Best Documentary Award 
    at Festival du nouveau cinéma Montréal 2004
  • Humanitarian Award for Outstanding Documentary,
    at Hong Kong Film Festival 2005
  • Nomination «Information & Culture»
    Adolf-Grimme-Prize 2006, Germany


Festivals: Rotterdam (Competition), Minneapolis, Philadelphia, Washington DC, Munich, Seattle, Durban, Filmflead Galway, Jerusalem, New Era Horizones/ Poland, Brisbane, Locarno, Riga, Vancouver, Montreal Festival of New Cinema, Denver, Aubervilliers/F, Swiss American FF N.Y., Torino, Solothurn, Mexico, Ljubljana,
Hong Kong, Singapore, One World Prague, Beirut FF, Etnia Finland, Desert Nights Rome, Worldfilm Tartu, etc.

 

Die Salzmänner von Tibet Preise:

  • Carridi d'Oro for Best Film at the Taormina Int'l Film Festival 1997
  • Sonje Award for Best Foreign Independant Film, Pusan Int'l Film Festival 1997
  • CinePrix Swisscom 1997
  • Golden Spire Award Golden Gate, San Francisco, 1998
  • Prix Nanook, 17ème Bilan du Film Ethnographique, Paris 1998
  • Qualitätsprämie Filmprämie des Bundesamtes für Kultur, 1998
  • Best film on survival problems of indigenous cultures, Pärnu Intl. Documentary and Anthropology Film Festival.
  • Estonian TV audience award, 1999
  • Prix "Air France" du Public 2ème semaine du documentaire à Strasbourg, 1999


Festivals: Nyon, München, Taormina, Warschau, Pusan, Wien, Amiens, Mar del Plata, Tromsö, Sundance, Rotterdam, Brugge,
Bilan du Film Ethnographique/Paris, San Francisco, Hong Kong,
New York International Documentary Festival, Santiago de Chile, Litauen, Neuseeland, Australien, Rio de Janeiro, Jerusalem, Montreal, Taipei, Riga, etc.

CAST & CREW

Mit
Veljo Tormis, Lauri Õunapuu, Meelika Hainsoo, Urmas Sellis,
Jaak Johanson, Jaan Kaplinski, Lea Tormis, Mikk Sarv,
Urve Lippus, Jane Priks, Märt-Matis Lill, Pfarrer Harri Rein,
Eva Mitreikina, Ando Kiviberg, u.a.

Buch und RegieUlrike Koch
KameraPio Corradi
Kamera PraktikumSebastian Weber
Second Unit Kamera

Arvo Vilu
Erik Norkroos
Kullar Viimne

Originalton

Mart Kessel-Otsa
Second Unit Ton

Antti Mäss
Jevgeni Berežovski

SchnittMagdolna Rokob
SchnittassistenzKonstantin Gutscher

Übersetzungen

Ursula Zimmermann
OriginalkompositionMärt-Matis Lill
Tonschnitt und MischungFlorian Eidenbenz
TonstudioMagnetix AG
LichtbestimmungPaul Avondet, Andromeda Film AG
PostproduktionAndromeda Film AG
Titelgrafik und artworkJan-Eric Mack
ProduzentinRose-Marie Schneider
KoproduzentErik Norkroos
In Koproduktion mit

SRF Schweizer Radio und Fernsehen
Urs Augstburger, Anita Hugi
SRG SSR
Alberto Chollet, Urs Fitze

TECHNISCHE DATEN

Drehformat: HD 16:9
DCP: 104 Min., Stereo 5.1, 24fps
35mm: 108 Min., Dolby SR, 24fps
HDCam SR, HDCam, Digibeta (nur englisch): 104 Min., TV-Mix, 25fps

Originalversion: Estnisch
Untertitel: Deutsch oder Englisch oder Französisch
Fernsehfassung: 52 Min.